Darm und Psyche

 

Darm und Psyche

 

Antibiotika – Probiotika – Psychobiotika ?

 

“Schmetterlinge im Bauch” , “Bauchgefühl”, “eine Entscheidung aus dem Bauch heraus fällen” – wenn man dem Volksmund Glauben schenken mag, dann liegt das Zentrum der Gefühle im Bauch.

Was auch naturheilkundlich orientierte Therapeuten schon seit über 60 Jahren wissen findet nun langsam Bestätigung durch aktuellste Forschung: 

 Eine gesunde Darmflora beeinflusst massgeblich Verhalten, Stimmung und Psyche.

Aber warum können sich Depressionen, Ängste und Stressymptome nach einer Darmsanierung bessern ? Was ist der Grund für die häufig beobachtete Besserung von Stimmung und Allgemeinbefinden nach einer Darmsanierung ?

 

Ein wichtiges Organ :

 

Die menschliche Darmflora besteht aus 10 hoch 15 Keimen. Das sind etwa 700 Gramm und 10 mal mehr als der Mensch an Körperzellen besitzt. (1) Diese gigantische Menge verteilt sich auf ca 300 m² Oberfläche. Durch einen Kunstgriff der Natur ermöglicht diese grosse Darmoberfläche eine effiziente Verdauung und Resorption von Nahrungsbestandteilen.

Zu den Aufgaben einer gesunden Darmflora zählen Immunmodulation, Synthese von Vitaminen und Neurotransmittern wie zB Serotonin  , Aufspaltung von Nahrungsbestandteilen und Anregung der Verdauung. Vor allem aber verhindert eine gesunde Darmflora die Ansiedelung von fremden, potentiell krankheitserzeugenden Keimen indem sie eine Art Schutzwall bildet. Auch ein Grossteil unseres Immunsystems findet sich im mukosalen Lymphgewebe der Darmschleimhaut.

 

Das Darmnervensystem:

 

Jeder Mensch hat drei verschiedene Nervensysteme:

.

  •  das zentrale Nervensystem (ZNS, Gehirn & Rückenmark),
  •  das autonome Nervensystem (Vegetativum) und
  •  das enterale Nervensystem (Darmnervensystem).

Diese drei Nervensysteme agieren jedoch nicht aneinander vorbei sondern stehen in regem Austausch miteinander. Das enterale Nevensystem besteht aus über 150 Millionen Neuronen, die Kommunikation mit dem ZNS findet durch Peptide, Fettsäuren und biogenen Aminen vermittelt über den Vagusnerv statt.

 Die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn ist keine Einbahnstrasse sondern funktioniert in beide Richtungen. Allerdings sendet das Bauchhirn deutlich mehr Signale zum Grosshirn als umgekehrt. Daran beteiligt sind Zytokine (Botenstoffe), Nervenimpulse und auf hormoneller Ebene die HPA-Achse. (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse) (7)

 Normalerweise verläuft die Kommunikation zwischen Bauchhirn und Grosshirn „geräuschlos“, es gibt jedoch Faktoren, die zu Störungen führen können. Dazu zählen:

 

  • eine instabile Darmflora

  • eine erhöhte Darmpermeabilität (durchlässige Darmschleimhaut, leaky gut)

  • eine chronische Aktivierung des Darmimmunsystems

 

Die Kommunikation zwischen Bauchhirn und Grosshirn:

 

Stress führt zu :

  • einer Dezimierung der gesunden, milchsäurebildenden Flora (Lactobazillen etc.)
  • einer zytokinvermittelten Aktivierung der HPA-Achse mit vermehrter Cortisolausschüttung und als Folge davon über eine Aktivierung der Typtophan-2,3-Dioxygenase zu einem Serotoninmangel. (3)
  • einer verminderten Dünndarmmotilität und damit über einen Substratvorteil der Fäulnisflora weiter zu einer Verschiebung des mikroökologischen Gleichgewichts. Als Folge davon entsteht eine erhöhte Darmpermeabilität (leaky gut) die ihrerseits wiederum zu einer verstärkten Cortisolauschüttung führt .Ein Teufelkreis beginnt: Die durchlässige Darmschleimhaut führt dazu, das grosse Fremdmoleküle (zB. ungenügend aufgespaltene Nahrungsbestandteile) in den Körper gelangen können und so eine entzündliche Immunantwort auslösen. Die daran beteiligten proinflammatorischen Cytokine gelten als Mitauslöser von Depressionen. siehe auch: Zytokinhypothese der Depression (4)

Ein weiterer Aspekt ist, das proentzündliche Botenstoffe des Immunsystems die Indolamin-2,3-Dioxygenase aktivieren. Dieses Enzym steigert die Umwandlung von Tryptophan zu Kynurenin. Normalerweise aber wird Tryptophan zu Serotonin verstoffwechselt und dient unserem Körper dann als „Glückshormon“.
Eine entzündlich veränderte Darmschleimhaut aber auch eine Fruktosemalabsorption können also dazu beitragen, das weniger Serotonin zur Verfügung steht und Symptome einer Depression entstehen.

 

Welche Praxisrelevanz haben Probiotika in der Behandlung und Prävention stressbedingter Erkrankungen?

 

In einer 2011 veröffentlichten Studie wiesen Forscher nach, das die 30-tägige Gabe einer Kombination aus Lactobacillus helveticus und Bifidobacterium longum an gesunden Freiwilligen zu einer deutlichen Reduktion von Ängstlichkeit und depressiver Symptomatik führte. (5)

In einer anderen 2011 (2) veröffentlichten Studie wurden Mäuse mit probiotischen Lactobazillen (Lactobacillus rhamnosus) gefüttert.Die so behandelten Tiere zeigten signifikant weniger Anzeichen von Stress und  Ängstlichkeit  als die unbehandelte Kontrollgruppe. Nach Ansicht der Forscher basiert diese Kommunikation zwischen Darmflora und ZNS auf einer vermittelnden Rolle des Nervus vagus, einem Teil des vegetativen Nervensystems.

Auch die Wirkung des Keimes Bifidobacterium infantis auf die psychische Befindlichkeit von Reizdarmpatienten ist relativ gut untersucht.(6)

Längst sind noch nicht alle probiotischen Stämme auf ihr psychotropes Potential untersucht worden, es gilt aber als sicher das auch andere Keime positive Wirkungen auf Psyche und Stimmung haben.

Unabhängig von aktueller Forschung und Evidenz ist die Gabe von Probiotika im Rahmen einer Darmsanierung seit je her Domäne von Heilpraktikern und naturheilkundlichen Ärzten. Die geeigneten Medikamente werden dazu auf Basis einer Darmflorauntersuchung ausgewählt.

Allerdings ist ein streng monokausales Ursache-Wirkung-Denken in der Medizin fehl am Platz und widerspricht auch naturheilkundlichen Prinzipien. Genauso ist die Darmsanierung zu verstehen: Im Rahmen eines ganzheitlichen Behandlungskonzeptes ist sie ein wichtiges Instrument, sie sollte allerdings nicht isoliert betrachtet werden, denn an jedem Darm hängt letztendlich ein Mensch mit seiner ganzen Individualität.

 

Quellen:

 

(1) Mikroökologie des Darmes. Grundlagen, Diagnostik und Therapie, G.Beckmann, A.Rüffer, Schlütersche Verlag

(2) Ingestion of Lactobacillus strain regulates emotional behavior and central GABA receptor expression in a mouse via the vagus nerve

Javier A. Bravo et al.

(3) Regulation of the stress response by the gut microbiota: implications for psychoneuroendocrinology.  Dinan TG, Cryan JF.

(4) Aye Mu Myint, Yong Ku Kim. Cytokine-Serotonin interaction through IDO: A neurodegeneration hypothesis of depression. Med. Hypotheses. 2003 Nov-Dec; 61(5-6):  519-525.

(5 )Beneficial psychological effects of a probiotic formulation (Lactobacillus helveticus R0052 and Bifidobacterium longum R0175) in healthy human volunteers.  Messaoudi M, Violle N, Bisson JF, Desor D, Javelot H, Rougeot C.

(6) Bifidobacterium infantis 35624: a novel probiotic for the treatment of irritable bowel syndrome. Brenner DM, Chey WD.

(7) Communication between gastrointestinal bacteria and the nervous system.  Javier A Bravo et al.

(8) Psychobiotics: a novel class of psychotropic.  Dinan TG, Stanton C, Cryan JF.

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